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Mikroflieger, etwas Theorie für Interessierte von Helmut Schweig


Das momentan leichteste Flugmodell wiegt meines Wissens 8,9g und hat eine Spannweite von über 50cm. Es existiert seit 1999. Sicher kann man es heute kleiner bauen. Es gibt einige Modelle unter 20cm, aber sie werden dadurch nicht leichter. Woran liegt das?
Der wichtigste Grund ist die schlechte Aerodynamik. Das ist leider unabwendbar. Je kleiner die Modelle werden, um so zäher wird scheinbar die Luft. Das kann man sehr gut an Hand der Gleitzahl von Flugzeugen erläutern. Die Gleitzahl gibt an, wie viele Meter ein Modell aus 1m Höhe gleiten kann.
Das beste Segelflugzeug der Welt hat eine Gleitzahl von 70. Modelle von 4m Spannweite liegen bei 25. Unsere Modelle mit etwa 20cm Spannweite liegen nur bei 3 bis maximal 5. Das kann jeder leicht mit einem Papierflieger überprüfen. Wenn er sauber gleitet und aus etwa 2m Höhe gestartet wird, erreicht er kaum 10m.
Die Gleitzahl gibt auch an, welchen Schub man braucht, um in konstanter Höhe zu fliegen. Man teilt das Gewicht durch die Gleitzahl. Da man auch noch Reserven zum Steigen braucht, müssen unsere kleinen Modelle einen Standschub haben, der etwa dem halben Gewicht entspricht. Unsere Modelle sind also im Vergleich zu großen Modellen sehr schlecht dran. Das weiß der Laie natürlich nicht und versteht deshalb nicht, warum es so schwierig ist, Kleinstmodelle zum Fliegen zu bringen.
Doch es kommt noch schlimmer. Auch die Propeller werden immer schlechter, je kleiner sie werden. Sie sind ja letztlich auch nichts anderes als Tragflügel. Ein Hubschrauberrotor hat einen Wirkungsgrad von über 90%. Propeller von Sportmaschinen liegen bei 85%. Modellpropeller kommen bestenfalls auf 75%. Saalflugpropeller mit ihrer kleinen Schubbelastung liegen unter 50%. Mein 50mm Prop schafft gerade mal 30 bis 35%! Gegenüber großen Modellen sind wir schon wieder um einen Faktor 2 schlechter dran.
Und dann noch der Wirkungsgrad der Kleinmotore. Gute bürstenlose Modellmotore erreichen mehr als 90%. Unsere 2,5g Motore können 65% schaffen. Der kleine 4°x8mm Motor von Mikroantriebe (0,5g) bringt es auf gute 28%, wenn er bei 3,5V betrieben wird. Den bürstenlosen Namiki Motor (0,2g) kann man bei etwa 15% betreiben.
Wenn man diese drei Gründe zusammenfasst, merkt man schnell, dass man bei der Reduzierung der Größe fast gegen eine Wand läuft. An der Aerodynamik kann man nahezu nichts machen. Das liegt direkt an der Zähigkeit der Luft. Beim Motorwirkungsgrad kann man besser werden. Dazu später mehr.
Doch jetzt zum Gewicht. Je kleiner die Modelle werden, um so stabiler werden sie. Hier sind wir im Vorteil. Ein Käfer kann aus jeder Höhe runterfallen. Er geht nicht kaputt. Großmodelle zerlegt es schon aus geringer Fallhöhe. Unsere Modelle können mit einer Zuladung von 80% gebaut werden, d.h. ein 10g Modell wiegt nur etwa 2g. Das setzt allerdings extremen Leichtbau voraus. Dazu später mehr.
Was braucht so ein Modell an Leistung? Geht man von einer typischen Flächenbelastung von 5g/dm² aus, kommt man auf eine Fluggeschwindigkeit um 4m/s. Mit einer Gleitzahl von 4 und einem Abfluggewicht von 10g beträgt die vom Propeller an die Luft abgegebene Leistung 100mW. Wir bestücken das Modell mit einem 2,5g Motor, einem einstufigen Getriebe und einem Propeller um 80mm. Dann haben wir einen Gesamtwirkungsgrad von 65%*45%*90% = 26%, d.h. man braucht etwas mehr als 400mW, um horizontal zu fliegen. Um zu steigen, braucht man eine Reserve der gleichen Größe. Man muss also etwa 800mW bereitstellen.

Mikroantriebe
Der Antrieb wiegt etwa 3g mit Getriebe. Ein Propeller in dieser Größe kann aus Balsa für 0,1g gemacht werden. Das ist aber nicht empfehlenswert, weil er zu leicht zerstört wird. Besser ist CFK. Auch dazu später mehr. Also setzen wir für unseren kompletten Antrieb 3,3g an. Die Untersetzung des Getriebes kann bestimmt werden, wenn man den Motor und den Propeller kennt. Fürs erste genügt eine Schätzung: 3 bis 5:1 passt wohl.
Die 800mW können leicht von einer 3g Lipo Zelle bereitgestellt werden. Bei 3,5V sind nur 230mA zu ziehen, und das nur beim Steigen. Das ist weniger als 2C. Gute Lipo Zellen können bis 5C belastet werden.
Bis jetzt haben wir von unseren 10g bereits 2+3,3+3 = 8,3g verbraucht.
Jetzt fehlt noch die Fernsteuerung. Da wir nur noch 1,7g übrig haben, bleibt nur ein IR Empfänger mit Regler und 2 Aktoren als Servo übrig. Der IR Empfänger Chip wiegt 0,15g. Die Daten werden in einem Prozessor (0,05g) verarbeitet. Dann braucht man noch einen Mosfet für den Motor und 2 H-Brücken für die Servos, zusammen 0,05g. Das alles muss auf eine Platine gebracht werden und wird komplett 0,5g wiegen. Zum Betrieb braucht man noch einen Mikroschalter, eine Ladebuchse und die Verkabelung, zusammen 0,3g. Dann bleibt für jeden Aktor nur 0,45g. Das klingt wenig. Aber unser Modell fliegt auch mit 11g, weil genug Leistungsreserve vorhanden ist.

Empfänger
Jetzt machen wir einen Sprung in die 5g Klasse! Fliegt der Vogel noch? Er wiegt genau so viel wie ein DIN A4 Blatt!
Die Fläche wird halbiert, ebenso die Luftleistung: 50mW. Wir nehmen einen 1,1g Motor mit maximal 48% Wirkungsgrad und einen 50mm Prop mit 30%. Dazu kommt ein Getriebe. Der gesamte Antrieb wiegt 1,4g und hat einen Wirkungsgrad von nur noch13%. Man braucht also 385mW, das ist kaum weniger als beim 10g Modell! Als Stromquelle kommt nur die 40mAh Lipozelle mit 1,7g Masse in Frage. Sie kann kurzzeitig 200mA abgeben. Benötigt werden nur 110mA. Das funktioniert also. Es bleibt sogar noch eine gewisse Reserve fürs Steigen. Bei 80% Zuladung haben wir bisher 1+1,4+1,7 = 4,1g verbraucht. Jetzt fehlt noch die Fernsteuerung.
Statt der Aktoren setzt man Drahtservos ein. Sie sind für 0,1g machbar. Man kommt also auf etwa 5g. Das Modell kann also noch fliegen.
Mein bisher gebautes und teilerprobtes Modell wird komplett unter 5g wiegen bei 20cm Spannweite und 5cm Flügeltiefe. Ich werde es bald vorstellen.
Kann man noch kleiner werden? Immerhin würde eine Cessna in 1:87 nur etwa 120mm Spannweite haben. Was kann man also noch tun? Als erstes tunen wir die Lipozelle. Das ist schon gemacht worden. Dann erreicht man statt 1,7g gute 1,2g. Wenn man die Batterie schon mal geöffnet hat, kann man auch die aktive Fläche verkleinern. Das ist meines Wissens noch nicht gemacht worden, aber nicht abwegig. Dann kann man auch kleinere Motore einsetzen, z.B. den 4x8 Motor mit 470mg. Daraus kann man einen kompletten Antrieb unter 800mg bauen. Damit wird mein jetziges 4,3g Modell betrieben. Bisher haben wir also schon 0,5+0,6 = 1,1g gespart. Bei der Fernsteuerung werden alle unnötigen Teile wie Stecker und Schalter weggelassen. Außerdem verschwinden alle Transistoren. Da nur 3 Geräte betrieben werden, werden mehrere Pins des µP parallel geschaltet. Jeder Pin kann 40mW bei 50% Verlust. Vielleicht bleibt der Motortransistor. Damit schrumpft die FS mit 2 Servos auf etwa 450mg. Bisher wiegt dieses extreme Modell 1,2+0,8+0,45 = 2,45g. Bei 80% Zuladung kommt das Modell auf 3,1g. Es würde ein Spannweite von 160mm haben. Da die getunte, aber komplette Lipozelle angesetzt wurde, gibt es noch Leistungsreserven. Man kann das Modell kleiner machen. Es fliegt dann nur schneller. Mit einer IR Anlage kann es wegen der großen Strecken Schwierigkeiten beim Fliegen geben. Das soll fürs erste mal ausreichen für die Kleinstflugzeuge.

Testantriebe
Jetzt werden die Möglichkeiten bei Hubschraubern kurz diskutiert.
Auch hier gelten die oben diskutierten Probleme bezüglich Aerodynamik und Wirkungsgrad. Der leichteste Hubschrauber (Pixel) wiegt 48g und hat einen Rotordurchmesser von 33 cm. Er hat keine Stabilisierung des Heckrotors (Kreisel) und ist deshalb praktisch kaum mehr fliegbar. Bei den geringen Massen und Trägheitsmomenten kommt man ohne eine aktive Dämpfung der Bewegungen nicht mehr aus.
Fangen wir mit einem Hubschrauber mit 12g Masse und 160mm Rotordurchmesser an und überprüfen wir, ob er fliegen kann. Der Rotor muss also 12g Schub erzeugen. Welche Leistung braucht man dazu? Nehmen wir ein Beispiel. Ein Rotor von 100mm Durchmesser und 2g Schub braucht theoretisch 20mW bei 100% Wirkungsgrad. Bei 12g erhöht sich die Leistung um das Schubverhältnis hoch 1,5, also 6exp1,5 = 14,7, d.h. 294mW. Da der Rotor 1,6 mal größer ist, verringert sich die Leistung um diesen Faktor. Man braucht also 184mW im Idealfall.
Als Antrieb verwenden wir wieder den 2,5g Motor wie beim 10g Modell. Er bekommt ein zweistufiges Getriebe um 12:1. Der Antrieb wiegt dann 3,4g. Als Rotor setzen wir den 160mm CFK Propeller von WES ein. Er wiegt 1,3g. Das System hat eine Wirkungsgrad von 65%*85%*45% = 25%. Die elektrische Leistung beträgt also ca. 740mW. Das schafft eine 3g Lipo Zelle leicht. Der Strom beträgt 211mA. Die Zelle kann mindestens 0,5A. Also das passt.
Jetzt muss man noch einen Drehmomentausgleich schaffen. Im Fall des WES Props braucht man 1,8g Schub an einem Hebelarm von 110mm. Dafür reicht der oben beschriebene 0,8g schwere Antrieb leicht aus. Er kann bis zu 2,4g unter diesen Bedingungen erzeugen. Den zusätzlichen Strom schafft die Lipo Zelle ohne weiteres.
Bisher haben wir 3,4+1,3+3+0,8 = 8,5g verplant. Dazu kommt noch das Gestell, das alle Komponenten aufnimmt. Es wird etwa 1g wiegen. Es verbleiben noch 2,5g für die komplette Steuerung. Geregelt werden die beiden Motore. Die Flugbewegungen vorwärts und seitlich werden durch Verlagerung der Batterie erzeugt. Hierfür setzen wir Drahtservos ein. Kleine lineare Servos basierend auf den kleinsten Motoren sind auch denkbar. Die Datenübertragung erfolgt wieder über eine IR Anlage. Jetzt fehlt nur noch der Dämpfer für den Heckrotor. Nach vielen Analysen scheint mir die Orientierung am Magnetfeld am geeignetsten zu sein. Man setzt einen elektronischen Kompass für die Dämpfung ein. Er ist für weniger als 1g machbar.
Die Gewichtsbilanz geht also auf.
Doch wie ist der Stand der Entwicklung? Den Antrieb mit Heckrotor habe ich schon auf einem Fluggestell „geflogen“. Einen kleinen Linearservo basierend auf dem 4x8 Motor gibt es auch, ebenso den Drahtservo. Auch den Sensorbaustein habe ich schon getestet. Etwa 1° Auflösung ist machbar. Was fehlt, ist die Software für das Gesamtgerät.
Doch es gibt einen kleinen Schönheitsfehler. Wegen des relativ schlechten Wirkungsgrads vom Rotor ist das Drehmoment ziemlich hoch. Da Kräftegleichgewicht herrschen muss, ist der Hubi im Schwebeflug um etwa 8° geneigt. Ich tendiere deshalb eher zu Tandemhubis. Dort tragen beide Rotore zum Schub bei. Allerdings ist die Regelung aufwendiger. Man braucht noch eine Hilfe für die horizontale Lage. Dafür braucht man einen Neigungssensor, den es zweiachsig für etwa 0,2g mit 1° Auflösung gibt. Man muss also mehr in die SW investieren, bekommt aber dafür einen effizienteren Antrieb.
Es gibt noch einige Spielarten für Hubis. Doch sie sollen hier nicht beschrieben werden, weil sie nur zur Verwirrung beitragen.
Man sieht, dass man gar nicht mehr so weit von der fliegenden Libelle weg ist. Der Durchmesser ist schon sehr nahe, 160 statt 120mm. Nur das Gewicht ist noch mindestens 6 mal so hoch. Der Vorteil beim Hubschrauber ist der geringe Abstand für die Datenübertragung. Man kann ihn auf dem Tisch fliegen lassen, auch wenn er noch relativ schwer ist. Der Entwicklungsaufwand insbesondere in der SW Ecke ist allerdings recht hoch.


 


Author: Helmut Schweig, 2003

 

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